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01. Juli 2021

Doppel-Interview zur Wärmewende mit Wasserstoff

Im Rahmen der energate-Sommerserie haben Michael Riechel (DVGW-Präsident) und Prof. Dr. Gerald Linke (DVGW-Vorstandsvorsitzender) der Redaktion ein Interview zum Thema Wasserstoff im Wärmemarkt gegeben.
Meldung vom 01.07.2021

Viele Branchen buhlen um den Energieträger Wasserstoff als Mittel zur Dekarbonisierung. Der Wärmesektor ist dabei etwas außen vor. Zu Unrecht, betonen der DVGW-Präsident und Thüga-Vorstandschef Michael Riechel und der DVGW-Vorstandsvorsitzende Gerald Linke im Doppelinterview zum Start der energate-Sommerserie zum Thema Wärmewende.

 

energate: Herr Riechel, Herr Linke, fühlen Sie sich bei der politischen Priorisierung von Wasserstoff, die ja den Wärmesektor zurückstellt, benachteiligt?

Riechel: Die Diskussion hat damit begonnen, dass alle Sektoren nach Wasserstoff gerufen haben. Bei der Stahlindustrie kann ich das auch nachvollziehen. Die braucht eine Alternative zur Kohle und muss hohe zweistellige Milliardenbeträge in die Umstellung investieren. Auch im Bereich Verkehr werden wir sicher Wasserstoffanwendungen im Schwerlastverkehr sehen. Im privaten PKW-Segment bin ich dagegen skeptisch. Wollen die Hersteller überhaupt im großen Stil Wasserstoffautos bauen, was ist dann mit der Infrastruktur und gibt es überhaupt Kunden, die das Auto kaufen?

energate: Und im Wärmemarkt?

Riechel: Wir haben im Wärmemarkt den Gaskunden, wir haben die gut ausgebaute Gasinfrastruktur und wir haben eine hohe Akzeptanz für Gase. Wir fühlen uns nicht benachteiligt, aber wir sagen, der Markt soll gleichberechtigt für alle offen sein. Es kann doch nicht angehen, dass 20 Millionen Haushalte politisch in eine Richtung gedrängt werden, die am Ende zu Mehrkosten führt und dann wird das Ganze noch mit dem Begriff Sozialverträglichkeit begründet. Das steht im Widerspruch.

Linke: Wir brauchen ein Level-Playing-Field und müssen alle Sektoren gleichermaßen bedienen. An dieser Stelle setzt auch unsere neue Studie mit Frontier Economics an, die die spezifischen CO2-Vermeidungskosten in verschiedenen Sektoren und Anwendungen offenlegt. Dort haben wir gezeigt, dass es auch volkswirtschaftlich sinnvoll ist, wenn man den Wärmesektor von Anfang an einbezieht. Im Verkehrssektor fallen dagegen deutlich höhere Kosten an. Zwar ist der CO2-Hebel hier größer, weil sie nicht Erdgas verdrängen, sondern Mineralölprodukte, aber es kostet halt mehr.

energate: Welche Konsequenz sollte die Politik daraus ziehen?

Linke: Wenn Sie den Markthochlauf von Wasserstoff starten, müssen Sie sich überlegen, wo Sie anfangen wollen. Ist es sinnvoll, mit dem teuersten Sektor zu starten, oder fange ich mit einem Sektor an, der günstiger ist, und mache so von Anfang an eine tatsächlich sozialverträgliche Energiewende.

Riechel: Zeit ist ein weiterer Faktor. Wir haben im Gassektor schon heute in großen Teilen die Infrastruktur von morgen. Das ist ein
Zeitvorsprung. Und wir haben eine Anbindung an einen globalen Markt mit der Möglichkeit, Wasserstoff auch zu importieren. Auf all diesen Ebenen können Gas und Wasserstoff gegenüber der Stromwirtschaft punkten. Es wäre töricht zu sagen, aus ideologischen Gründen gehen wir jetzt einen anderen Weg.

energate: Zur Infrastruktur: Wo stehen wir denn heute beim Thema "H2-ready"?

Linke: Als technisch-wissenschaftlicher Verband haben wir uns angeschaut, wo das Nadelöhr ist und was wir machen müssen, um dieses zu beseitigen. Die Netze selbst können 100 Prozent Wasserstoff. Es sind die Endanwendungen, da kommen wir heute nur auf 20 Prozent. Im Laufe der "Wasserstoff-Wochen" des DVGW haben sich die Gerätehersteller jetzt aber dazu verpflichtet, dass Geräte, die neu in den Markt kommen, alle selbst adaptieren oder umstellbar sind auf 100 Prozent Wasserstoff. Durch den normalen Austausch im Lebenszyklus von Heizungsgeräten können wir dann diesen Bottleneck beseitigen.

energate: Muss der Kunde für die Nutzung einer Wasserstoffheizung am Ende mehr bezahlen?

Linke: Unser Ziel ist es, dem heutigen Wärmekunden zum gleichen Preis, für den er heute eine Erdgasheizung bekommt, auch eine Wasserstoffheizung anbieten zu können. Wenn Sie dagegen umschwenken auf eine neue Technologie, alle Wärmeerzeuger in Deutschland rausreißen, dann reden wir über Kosten von mindestens 200 Mrd. Euro plus weiteren Sanierungskosten, die bei der Umstellung auf eine Wärmepumpe für die Dämmung notwendig werden.

energate: Das heißt, Sie halten die Prämisse der Bundesregierung für falsch, Wasserstoff vorrangig in anderen Sektoren einzusetzen, weil es im Wärmemarkt mit der Wärmepumpe eine günstige Möglichkeit zur Elektrifizierung gibt?

Linke: Die Elektrowärmepumpe als Silver Bullet zu sehen, hat enormes Rückschlagpotenzial. Wenn Sie Wärmepumpen einbauen, wird das Stromverteilnetz weiter belastet. Das ist nicht darauf ausgelegt. Wir laufen sowieso auf eine Stromlücke durch den Kohleausstieg und den Kernenergieexit von mindestens 36 GW zu. Mit dem Zubau von Wärmepumpen wird diese Lücke noch größer. Die Bundesregierung sieht Wasserstoff allerdings spätestens in der mittleren Frist auch im Wärmesektor. Damit dies möglich wird, müssen wir schon heute mit den notwendigen Vorarbeiten beginnen und Infrastrukturen sowie Geräte H2-ready machen.

energate: Welcher zusätzliche Strombedarf würde durch die Elektrifizierung des Wärmemarktes entstehen?

Linke: Wir erzielen in deutschen Heizungskellern heute über Gas eine Wärmeleistung von 275 GW. Wenn Sie das mit Strom machen wollen, dann müssen Sie 275 Großkraftwerke bauen, um diese Spitzenleistung abzudecken. Das ist jenseits jeglicher Leistung, die das Stromnetz heute zur Verfügung stellt. Wir laufen sehenden Auges auf ein erhebliches Problem zu, wenn wir hier wieder nur monokausal auf eine Lösung setzen.

energate: Sie fordern mehr Technologieoffenheit für eine sozialverträgliche Wärmewende. Haben Sie in Ihren Studien schon Erkenntnisse gewonnen, wie eine Art Merit-Order der Wärmetechnologien ausfallen könnte?

Riechel: Es gibt viele Untersuchungen, in denen auch die unterschiedlichen Fördermaßnahmen berücksichtigt werden. Da hat mal die eine Technologie die Nase vorn, mal die andere. Momentan wird durch das Klimapaket der Bundesregierung die Wärmepumpe in Mehrfamilienhäusern mit einem Zuschuss über fast 50.000 Euro pro Anlage gefördert. Damit wird der Vergleich natürlich völlig verzerrt. Aber der Nationale Wasserstoffrat hat sich jetzt des Themas "Wasserstoff im Wärmemarkt" angenommen und wird in Kürze eine Bottom-up-Studie beauftragen und Regionen in Deutschland erstmals mit Realdaten durchrechnen. Wir erwarten uns davon aussagekräftige Ergebnisse.

energate: Wie bewerten Sie die kurz vor der Sommerpause verabschiedete Reform des EnWG, mit der eine Regulierung von Wasserstoffnetzen eingeführt wird?

Riechel: Der Bundestag trägt mit seiner Entscheidung dazu bei, die Transformation der wichtigsten Energieinfrastruktur in Deutschland hin zur Klimaneutralität zu beschleunigen. Hier ist besonders hervorzuheben, dass sich die Bundestagsabgeordneten klar dafür ausgesprochen haben, dass das Ziel eine gemeinsame Regulierung und Finanzierung von Gas- und Wasserstoffnetzen sein muss. Das Bundeswirtschaftsministerium ist nun gesetzlich aufgefordert, bis Ende kommenden Jahres ein Konzept auszuarbeiten, dass dieses Ziel berücksichtigt.

Linke: Grundsätzlich begrüßen wir, dass der Ausbau der Wasserstoffnetze mit dem EnWG gefördert wird. Wasserstoff ist damit im Energiesektor angekommen. Dass der DVGW in der Parlamentsentscheidung nun auch für Wasserstoff als Regelsetzer benannt wurde, ist für uns Würdigung und Auftrag zugleich. Wir werden mit dem Know-how unserer Expertinnen und Experten dazu beitragen, den Anspruch des EnWG an die Versorgung der Allgemeinheit auf Sicherheit, Verbraucherfreundlichkeit, Effizienz, Umweltverträglichkeit und Leitungsgebundenheit zu erfüllen.

energate: Es bleibt aber bei der getrennten Regulierung von Gas- und Wasserstoffnetzen.

Linke: Die Erdgaskunden von heute sind die Wasserstoffkunden von morgen, deswegen muss man das aus meiner Sicht zusammendenken, auch im Regulierungsrahmen. In Europa wird das ja auch diskutiert.

energate: Die Bundesregierung verweist aber genau auf geltendes europäisches Recht, das eine gemeinsame Regulierung verbietet.

Linke: Es gibt eine Studie der Fernleitungsnetzbetreiber, die eine gemeinsame Regulierung auch nach geltendem EU-Recht für möglich hält. Das Problem ist doch: Wenn die Beimischung von Wasserstoff ins Erdgasnetz unter das EnWG fällt, reine Wasserstoffnetze aber separat reguliert werden, wo ist dann der Umschlagspunkt?

energate: Wie sehen Sie denn den Markthochlauf? Wird sich die Wasserstoffwirtschaft nach und nach aus reinen Wasserstoffnetzen zusammensetzen oder ist es sinnvoll, über die Beimischung gleich in die Breite zu gehen?

Riechel: Zunächst müssen wir mal unterscheiden. In der Industrie und im Verkehr wird reiner Wasserstoff benötigt. Es gibt Teilbereiche des Gasnetzes, die sich schon jetzt komplett auf Wasserstoff umstellen lassen. Insgesamt ist das Gasnetz aber gut kompatibel mit der Beimischung von Wasserstoff, das hat der DVGW intensiv untersucht. Es hängt an der Nachfrage: Erst wenn die da ist, werden Investoren auch in die Infrastruktur investieren.

energate: Mit welchem Wasserstoffbedarf rechnen Sie?

Linke: Wir rechnen beim Gasabsatz für Deutschland im Jahr 2050 mit 1.000 TWh, ein Großteil davon wird Wasserstoff sein. Neue Studien von Gas for Climate sagen, dass sich in Europa allein schon bis zu 4.000 TWh grüner Wasserstoff erzeugen lassen. Das entspricht dem heutigen Gasabsatz. Insofern gibt es kein Versorgungsproblem. Diese ganze sogenannte Champagnerdiskussion ist völlig fehl am Platz. Wir müssen den Bedarf mit dem Angebot verknüpfen und schauen, wo es noch Hindernisse gibt. Da spielt die Wasserstoffstrategie eine Rolle, wir benötigen ein Grüngas-Ziel, wir müssen aber auch über Quoten reden, mit denen wir einen Pfad vorgeben und so Planungssicherheit für Anbieter wie Nachfrager schaffen können.

energate: Welche Rolle sehen Sie für blauen Wasserstoff?

Riechel: Alle wollen grünen Wasserstoff haben, wir können den Bedarf aber aus Deutschland heraus nicht decken. Wir werden in jedem Fall Importe brauchen, das ist aber für uns als Energieimportland nicht neu. Und: Wir werden auch blauen Wasserstoff benötigen.

energate: Aktuell warnt etwa der SRU, wenn blauer Wasserstoff zu Dekarbonisierung zugelassen wird, entsteht eine neue, kostenintensive Infrastruktur, die bald wieder überflüssig wird.

Linke: Wenn wir nur Wasserstoff aus deutschen Windenergieanlagen nutzen wollen, kommen wir sehr schnell in die Verteilungsdiskussion. Die Energiewende kommt so nicht voran. Ich plädiere dafür, die teils ideologisch geprägte Farbendiskussion endlich ad acta zu legen und durch eine technisch-rationale Sichtweise zu ersetzen.

Riechel: Und ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Wenn wir uns in den verfügbaren Wasserstoffmengen einschränken, dann führt das automatisch dazu, dass der Preis hoch ist. Wenn wir aber alle Möglichkeiten nutzen, kommen wir über Skaleneffekte in die Kostendegression.

energate: Wie gelingt diese Kostendegression am besten?

Linke: Der Gasmarkt ist ein gutes Beispiel. Wir haben über Jahrzehnte ein Gaspreistief, auch weil wir die Infrastruktur haben, die uns mit vielen Ländern verbindet. Die Bundesregierung liegt richtig, wenn sie für Wasserstoff international nach Lieferanten sucht, zusätzlich zu den Förderungen über IPCEI in Europa. Aber das reicht nicht aus.

energate: Wieso?

Linke: Die Investitionen sind das eine. Der kritische Punkt ist aber, die Projekte nach Förderende rentabel zu machen. Da müssen wir über eine Form der Opex-Förderung reden oder Carbon Contracts for Difference. Um niedrige Wasserstoffkosten zu erreichen, reicht es nicht, fünf GW in Deutschland aufzubauen. Wir müssen das von Anfang an groß und global denken.

 

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von energate messenger